2009 war ein großartiges Musikjahr. Zumindest für mich. Um nochmal ein Jahr zu finden, in dem so viel aufregende, spannende, überwältigende, ergreifende Werke aus allen möglichen Genres erschienen sind, müsste ich vermutlich weit zurückgehen.
Und so ist es nur konsequent, wenn ich jetzt nicht ein einzelnes Album des Jahres benennen kann, sondern es derer zwei - einmal ein konzeptuelles Gesamtwerk und einmal eine klassische Songsammlung (plus eine Art Appendix) - sind. Beide gemeinsam stehen darüber hinaus für Grenzverschiebungen im Bereich Populärmusik, beide demonstrieren auf ihre jeweils eigene Art was gegenwärtig möglich ist bei gleichzeitig nicht unmoderatem Erfolg und beide sind, jawoll, bewusstseinserweiternd. Gemeint sind "Embryonic", das unglaubliche Grosswerk der Flaming Lips, sowie "Merriweather Post Pavillon" (sowie, weil sie einfach dazugehört und das Jahr so schön abgeschlossen hat, die "Fall Be Kind-E.P.") von Animal Collective. Während die Lips ihr eigenes Konzept nach einer etwas enttäuschenden Stagnationsphase radikal überdacht haben und einen für eine Grammy-ausgezeichnete Band überwältigenden Experimentierungswillen an den Tag legen, dessen Ergebnis noch das legendäre "Zaireeka" übertrifft und ein wahrer Brocken von einem Album, mit nicht zu überhörenden Anleihen an Miles Davis elektrische Phase, geworden ist, sind Animal Collective nach der Quasi-Punkrock-Phase von "Strawberry Jam" erstaunlicherweise die Zukunft der Popmusik geworden, die geradezu wahre Wunder an Songs wie das majestätische "What would I want Sky" oder "Also frightened" wie aus dem Ärmel geschüttelt wirken lassen. In einer besseren Welt wäre zudem "Brother Sport" der Crossover-Dancefloorhit des Jahres gewesen.
Auf den Rängen (in alphabetischer Reihung):
The Avett Brothers - I & Love & You
Rick Rubin did it again: die eigentliche Seele dieser Band eingefangen durch reine Konzentration. Nach gut 10 Jahren Bandgeschichte das vorläufige Meisterwerk.
Baroness - Blue Record
Ganz, ganz grosse Band, Beinah-Metal ohne jeglichen Makel.
Neko Case - Middle Cyclone
Frau Case entfernt sich mit jedem neuen Album zwei Schritte weiter vom Alt-Country-Terrain, und es steht ihr unheimlich gut.
Drive By Truckers - The Fine Print
"Nur" ein Outtakes- und Raritäten-Album, das als solches besser ist, als so manches reguläre anderer Bands.
Bob Dylan - Together through Life
Der Meister ist jetzt bei Tex-Mex angekommen, und auch dort natürlich meisterhaft.
John Fogerty - The Blue Ridger Ranger Rides Again
Wundervolle Fortsetzung von Fogertys Country-Projekt.
Fuck Buttons - Tarot Sport
White Noise, Tech-House-Rhythmik und Drones als Pop. Andy Weatherall, ein alter Held von mir, hat ausladend produziert. Funktioniert nur laut, dann aber gewaltigst.
fun. - Aim & Ignite
Unwiderstehliches, überbordend arrangiertes Großwerk mit Anleihen bei E.L.O., Dexys Midnight Runners, Queen, Elton John, und und und. Quasi Mika in gut.
Grizzly Bear - Veckatimest
Habe erst kurz vor Jahresende gemerkt, wie großartig dieses Album mit seinen immer wieder an Tim Buckley erinnernden Songs ist. Passt darüber hinaus ziemlich genau in die Mitte der beiden diesjährigen Werke von Animal Collective (siehe oben).
Ha Ha Tonka - Novel Sounds of the Nouveau South
Schon mit dem Zweitling ist meine Entdeckung 2007 unglaublich gereift. Schwieriger als das Debut, aber nicht minder mireissend.
Robyn Hitchcock & the Venus 3 - Goodnight Oslo
The thinking Man's Morrissey mit einem elder statesmen Album voller kleiner Perlen.
Lucero - 1372 Averton Park
Siehe dazu hier.
Mastodon - Crack the Skye
Beeindruckend in seiner Komplexität bei gleichzeitig massivstem Wumms und, so man diesen Begriff in einer Metal-spezifischen Ausprägung verstehen kann, Catchiness. Free-Rock, die erste.
Moonalice - Moonalice
Eine etwas andere T Bone Burnett Produktion, wuchtiger und voller im Klang. Eigentlich eine Jam-Band, was man dem zwischen AOR-Pop, Country und Rock oszillierenden Album aber eher nicht anhört.
Franz Nicolay - Major General
Siehe dazu hier.
Connor Oberst & the Mystic Valley Band - Outer South
Das beste, was der Mann seit Jahren veröffentlicht hat, was sicher auch an den Mitmusikern (und vor allem: Mitautoren der Songs, Nik Freitas anyone?) liegt.
The Paper Chase - Some Day This could All be Yours Vol.1
Teil eins eines Konzeptwerks über Naturkatastrophen. Erfindungsreich und dramatisch wie immer, will sie jetzt endlich auch mal live sehen dürfen, bitte.
Phish - Joy
Natürlich nicht die Neuerfindung des Rades, aber ein solides Comeback mit auch im Studio funktionierendem Material.
Polvo - In Prism
Comeback des Jahres, und das völlig unerwartet. Druckvoller und ausgefeilter als je zuvor - und der neue Drummer ist ein Tier.
Rhett Miller - Rhett Miller
Soloalbum des Old97s-Sängers, das nur zum Teil so klingt, wie man es erwarten würde. Dass er Songs schreiben kann, war klar, aber dass er auch ansatzweise mit New Wave Sprengseln arbeiten würde, hätte ich so nicht gedacht.
Those Darlins - Those Darlins
Erfrischender Bubblegum-Countrypop von drei entzückenden jungen Damen.
White Denim - Fits
Meine Entdeckung des Jahres. Wildeste Instrumentalschlachten auf Garage-Rock- und Blues-Grundlage, ein ungewaschener Bastard aus der Magic Band, Minutemen und Jon Spencer Blues Explosion und das beste Power-Trio seit langem. Free-Rock, die zweite.
Wilco - Wilco (The Album)
Wieder auf höchstem Niveau, dabei weitaus weniger experimentell als angekündigt. Wie auch schon auf "Sky Blue Sky" bleibt festzustellen: der Tablettenentzug hat Tweedy äusserst gut getan.
Honourable mentions: Grant Hart - Hot Wax, A.A. Bondy - When The Devil’s Loose, Ike Reilly - Hard Luck Stories, David Bazan - Curse Your Branches, A.C. Newman - Get Guilty, V.A. - Funny People OST, Sunset Rubdown - Dragonslayer, Fanfarlo - Reservoir