Musikindustrielobbyist und schon immer gewesener Schwätzer Dieter Gorny kriegts nach seiner vollkommen bescheuerten Idee, die Absage der Popkomm mit dem "Diebstahl im Internet" zu begründen momentan völlig zurecht von allen Seiten. Niggemeier zerpflückt ein Gorny-Interview mit derwesten.de:
Was ist mit der Generation, die sich noch nie eine CD gekauft hat, für die es selbstverständlich ist, sich Sachen aus dem Internet herunter zu laden, sei es legal oder illegal? Meinen Sie, Sie kriegen diese Generation je wieder?
Gorny: Diese nicht, aber die nächste. Ich muss an die Schulen gehen und zeige den jungen Leuten Bibliotheken, zeige ihnen Filme und Musik und sage ihnen dann: Das gibt es in Zukunft alles nicht mehr, wenn die Raubkopiererei nicht aufhört.
Mal abgesehen davon, dass Gorny in seiner Antwort implizit den Quatsch der Frage bestätigt, dass auch diejenigen jungen Leute für seine Branche verloren seien, die sich legal “Sachen” aus dem Internet herunter laden. Ich möchte bitte dabei sein, wenn er den Schülern die Bibliothek zeigt und wartet, bis sie weinend zusammenbrechen und versprechen, nie wieder… öh… ein Buch runterzuladen?
Der in einigen Kreisen sowas wie legendäre Konzertveranstalter Berthold Seliger weist dann in einem ausführlichen Kommentar auf die vielen Versäumnisse der Industrie und die gewollte Schieflage der Debatte hin:
Einen Sinn hatte die Popkomm nie - gegründet wurde sie, weil Dieter Gorny seinerzeit die nordrhein-westfälische Landesregierung davon überzeugen konnte, dass Deutschland eine eigene Popmesse braucht. In ihren Jubeljahren hatte die Tonträgerindustrie den Kunden ein Billigprodukt namens CD untergejubelt und ihren Backkatalog noch einmal zu überhöhten Preisen an die Fans verkauft, entsprechend schwamm sie im Geld.
Seit Ende der 90er-Jahre leisteten sich immer weniger Plattenfirmen die teuren Messestände, internationale Geschäftspartner waren sowieso nie gekommen, um Geschäfte zu machen, und die wirklich wichtigen Künstler und Labels blieben der Veranstaltung fern. Die teure Bauchnabelschau mit Dauerparty konnte die Branche nicht mehr bezahlen, als sich die Umsätze der Tonträgerindustrie im freien Fall befanden. Da stand 2004 Berlin mit einem Regierenden Bürgermeister bereit, dessen Lust auf Partys sich indirekt proportional verhält zu seiner Bereitschaft, politische Konzepte zu entwerfen. In den letzten Jahren erlebte man leere Messehallen, kaum internationale Besucher, ein provinzielles Konferenzprogramm. Die Stände und das Festival wurden zunehmend von staatlichen Musikförder-Initiativen und Pop-Export-Büros gebucht, entsprechend trist wirkte die Veranstaltung - Subventions-Pop eben. Die Absage der Funktionärsmesse war nur logisch.
(...)
Keine Rede davon, dass die Branche bei der Entwicklung digitaler Tonträger alles verschlafen hat - von der Erweiterung der Vertriebswege bis zur Erneuerung des Urheberrechts. Außerdem weist selbst der BMI in seinem Jahreswirtschaftsbericht darauf hin, dass illegale Downloads und der Absatz von CD-Rohlingen stark rückläufig sind: Von 2003 bis 2007 hat sich die Zahl illegaler Downloads von 602 auf 312 Millionen fast halbiert, obwohl es drei mal so viele DSL-Zugänge gibt, heißt es dort. Die Tonträgerkonzerne erwirtschaften längst mehr als jeden fünften Euro im Internet, 2007 weltweit 3,7 Milliarden Dollar, wobei der Umsatz allein von 2007 auf 2008 um ein Drittel stieg.
Zu diesem Thema auch noch eine Buchempfehlung: Steve Knopper - Appetite for Self-Destruction
Der Rolling-Stone-Autor fasst den Boom und den tiefen Sturz der Musikindustrie in einem gut recherchierten und unterhaltsam geschriebenen Buch zusammen, beschreibt ausführlich die Fehler, die dort über Jahre gemacht wurden und hat mich, der ja bis kurz vor dem Zusammenbruch der Branche selbst beinah ein Jahrzehnt dort arbeitete und vieles davon hautnah miterleben konnte, wieder einmal daran erinnert, warum ich ihr seinerzeit den Rücken gekehrt hatte. Unbedingt lesenswert.